Eine Krise ist immer auch eine Chance

Russland ist und bleibt ein wichtiger Markt – gerade für das exportorientierte Deutschland und abgesehen von allen politischen Differenzen dieser Tage. Die Zeichen stehen auf Entspannung zwischen den USA und der Europäischen Union auf der einen und Russland auf der anderen Seite. Dennoch haben viele Unternehmen ihre Investitionsprojekte eingefroren oder ganz aufgegeben und setzen zurzeit auf eine Überwinterungsstrategie, um für eine neue Chance gewappnet zu sein, wenn die Sanktionen gegenüber Moskau aufgehoben werden. 

2008 und 2009 waren die beiden Jahre, in denen Russland die meisten Expats anlockte. Laut einer Untersuchung der Moskauer „Higher School of Economics“ arbeiteten zu Spitzenzeiten etwa 300.000 Spezialisten aus den USA und der EU in Russland. Doch dann kamen der Konflikt in der Ukraine und die Krise zwischen dem früheren Ost und West. Das Vorkrisenniveau ist jedoch seither nie wieder erreicht worden. Insgesamt, so schätzen Experten, sind derzeit etwa 100.000 ausländische Fachkräfte in Russland beschäftigt, etwa 40.000 davon haben eine leitende Position inne. Laut einer Studie von HSBC Expat Explorer haben die meisten ausländischen Fachleute in Russland Freude an ihrer Arbeit und nehmen nach eigenen Angaben die Möglichkeit war, neue Fähigkeiten zu erlernen. Entgegen des aktuellen Trends belegt Russland im Ranking des Expat Explorers den 15. Platz.

Doch Krisen enden. Dann heißt es den Neuanfang zu wagen, an bestehende Netzwerke anzuknüpfen oder vorhandene Geschäftsbeziehungen auszubauen. Und zwar rechtzeitig. Erstes Gebot ist es, auch mit eigenem, besonnenen Personal wieder Vertrauen aufzubauen. Eine Mitarbeiterentsendung nach Russland ist dann eine große Herausforderung, aber auch eine sehr große Chance. Unternehmen in einzelnen Branchen profitieren auch jetzt schon von den aktuellen Rahmenbedingungen – etwa die Landwirtschaft. Gerade hier sind ausländische Experten gefragt, um internationale Standards und Prozesse zu implementieren.

So bemüht sich die russische Region Krasnodar am Schwarzen Meer derzeit sehr um ausländische Investoren und internationales Knowhow. Hier werden explizit deutsche Experten und Unternehmen angefragt. Auch waren die Rahmenbedingungen für westliche Investoren niemals besser als heute, und das nicht nur wegen des günstigen Rubels. Die Steuerbelastung für kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) sowie die Höhe der Einkommenssteuer sind dafür wesentliche Faktoren.

Die Risiken im russischen Markt sind hinlänglich bekannt. Doch Korruption und Bürokratie erfassen kaum die Ebene der KMU. Vor dem Hintergrund einer sehr moderaten Steuerbelastung und von Rahmenbedingungen, die besser sind als ihr Ruf, ergibt ein Markteintritt heute – gerade in Hinblick auf die geopolitische Situation – mehr Sinn als noch vor einem Jahr.