Expats nach dem Brexit

Die Britische Bevölkerung stimmte für ein Verlassen der Europäischen Union (EU) – einmalig in der Geschichte der Union. Insbesondere für EU-Ausländer stellt diese eine grundsätzliche Unsicherheit für ihren Status und ihren Verbleib im Vereinigten Königreich dar. Derzeit arbeiten rund 2,2 Millionen EU-Ausländer in Großbritannien. Sie stellen fast 6,6 Prozent der Arbeitsbevölkerung. Im Einzelhandel und im Gastgewerbe sind rund 442.000 Europäer beschäftigt, was etwa acht Prozent der in diesem Sektor tätigen Arbeitnehmer entspricht. Die Bank- und Finanzindustrie beschäftigt etwa 360.000 EU-Ausländer, rund 6,8 Prozent. Folgende Szenarien wären für Expatriates in der Großbritannien zu erwarten/möglich:

UK behält (in Teilen) die europäische Arbeitnehmerfreizügigkeit bei

Die Regelungen zu Reise- und Arbeitsvisa sind im Falle des Brexit nicht geregelt, sie müssen in den „Scheidungsverträgen“ verhandelt werden. Doch EU-Arbeitskräfte werden sich kaum kurzfristig ersetzen lassen. Der Druck auf die britische Regierung, niedrige Hürden für Arbeitserlaubnisse zu verhandeln, wird dementsprechend groß sein.

Schon vor dem Referendum fiel es vielen britischen Unternehmen schwer ihre Stellen zu besetzen. 73 Prozent der Firmen der Arbeitgebervereinigung der Ingenieure geben an, nur bedingt geeignete einheimische Kandidaten zu finden. Diese Entwicklung trifft auch auf Arbeitgeber im Gastgewerbe, auf dem Bau und in der Lebensmittelverarbeitung zu. Die Beibehaltung europäischen Freizügigkeiten wäre somit im wirtschaftlichen Interesse Großbritanniens und das Best-case-Szenario für europäische Expatriates.

Ad hoc-Übergangsvertrag zwischen GB und EU

Die wahrscheinlichste Entwicklung nach dem Referendum scheint ein Übergangsvertrag zwischen der Europäischen Union und Großbritannien zu sein, der besondere Arbeits- und Reisefreiheit für EU-Ausländer sicherstellt. Ausgestaltet könnte es einen Abbau bürokratischer Schranken im Bereich der Visa- und Arbeitsbestimmungen oder ein Punktesystem nach kanadischem oder australischem Vorbild bedeuten. Universitätsabschlüsse und Arbeitserfahrung bringen dabei viele Punkte, sodass vor allem Hochqualifizierte ein Visum erhalten. Der britische Arbeitsmarkt benötigt insbesondere auch Arbeitskräfte, die Tätigkeiten mit niedrigeren Anforderungen ausführen, was wiederum gesonderte Regelungen nach sich zieht.

Dieses Szenario, wenngleich aktuell am wahrscheinlichsten, stellt die größte Unsicherheit für EU-Expats dar. Denn sollten die EU und Großbritannien im Zuge der Verhandlungen zu keiner Abänderung des aktuelle Status-quo bereit sein, werden EU-Expats denjenigen aus Nicht-EU-Staaten geleichgestellt. Bürokratisch zeitaufwändige Verfahren, Zugangsschranken und erhöhte Kosten wären die Folge.

Wie eine Studie der Universität Oxford zeigt, erfüllt etwa drei Viertel der Europäer, die derzeit dank der Arbeitnehmerfreizügigkeit im Vereinigten Königreich beschäftigt sind, diejenigen Visa-Voraussetzungen nicht, die für Arbeitnehmer von Drittstaaten gelten. Diese Zahl könnte auf 81 Prozent steigen, sobald im April nächsten Jahres in Großbritannien neue Visa-Regeln in Kraft treten.

Ohne Fortführung der Arbeitnehmerfreizügigkeiten wären die Auswirkungen in bestimmten wirtschaftlichen Bereichen verheerend. So erfüllen allein 94 Prozent der Arbeitnehmer aus dem EU-Ausland im Hotel- und Restaurantgewerbe die existierenden Visa-Vorschriften nicht.
In der Landwirtschaft sind es sogar 96 Prozent. Selbst im Banken- und Finanzsektor, wo der Anteil der Hochqualifizierten besonders hoch ist, würden den Berechnungen zufolge noch immer zwei von drei EU-Bürgern die Voraussetzungen für ein britisches Arbeitsvisum nicht erfüllen.

Deutsche Arbeitnehmer weniger betroffen

Auch im Worst-case Scenario wären deutsche Expats weniger gefährdet als andere EU-Bürger. Der Grund dafür: Deutsche Expats besitzen ein überdurchschnittlich hohes Qualifikationsniveau. Die Zahl der Deutschen mit Hochschulabschluss und Jobs mit einem Jahreseinkommen von mindestens 20.800 Pfund (umgerechnet rund 26.365 Euro), ist höher als der Durchschnitt. 2015 haben 31 Prozent der deutschen Arbeitnehmer in Großbritannien diese Kriterien erfüllt. Die Vergleichsrelation unter allen Arbeitnehmern beträgt 25 Prozent.

Nach den im April 2017 in Kraft tretenden Regelungen muss ein Jahreseinkommen von 30.000 Pfund, etwa 38.000 Euro, erzielt werden.

Martin Theobald